Vom Träumen



Kennt ihr das? Man schlendert gemütlich durch die Welt, schaut verträumt um sich und irgendwann rumpelt ein Gedanke ins Geschehen. So ein Gedanke beginnt gerne mit "Wäre es nicht total abgefahren, wenn ich..." und wird gefolgt von einer Tätigkeit, die oft so gar nicht alltäglich ist. Bei mir war das vor ein paar Jahren der Fall, als ich vom beschaulichen Dörfchen Stuckenborstel nach Bremen zog. Damals radelte ich erstmals quer durch Bremen über Borgfeld und Fischerhude durch die Wümme-Wiesen bis nach Stuckenborstel. Etwa 40 Kilometer beträgt die Strecke und ich dachte so bei mir: "Wäre es nicht total abgefahren, wenn ich die Strecke mal laufe?"
Zu diesem Zeitpunkt entstand ein Traum, den ich immer brav mit mir herum getragen habe. Bis ich am 04. August feststellte: am 16. September 2018 laufe ich meinen vorerst letzten Marathon. Danach möchte ich mich auf die Kurzstrecke über fünf und zehn Kilometer konzentrieren und sehen, wie weit ich meine Bestzeit drücken kann. Bis auf Weiteres ist die jetzige Marathon-Vorbereitung also die letzte. Wer weiß, wo ich lebe, wenn ich die Nase voll habe vom Rennen auf der Kurzstrecke. Möglicherweise nicht mehr in so wunderbarer Laufreichweite nach Stuckenborstel. Also tat ich, was zu tun war: ich arrangierte kurzfristig alles Notwendige, um am 05. August meinen Trainingslauf auf der Radstrecke Bremen - Stucki zu laufen.
Die Bedingungen für mein Vorhaben könnten kaum besser sein: 35 Kilometer hätte ich laut Trainingsplan ohnehin laufen müssen; das Wetter ist sonnig und heiß, aber nicht so brütend, wie an einigen Tagen zuvor; am Abend kehren meine Eltern Jürgen und Christiane von ihrem Wochenendausflug zurück und die Familie trifft sich in Stucki zum Grillen. Prima Voraussetzungen. Gut gelaunt stehe ich morgens auf, genehmige mir mein Champion-Frühstück (Vollkorn-Toast mit Nutella; verträgt sich erstaunlich gut mit dem Laufen) und packe meinen Rucksack. Heute ist's erstaunlich viel, was mit muss: zwei Liter Wasser in der Trinkblase, Wechselklamotten für den Grillabend, mein Geldbeutel für den Notfall, die Schlüssel, damit ich abends wieder in die Wohnung komme und mein Handy. Das Handy sichert mittlerweile ja weit mehr als einfach nur den Kontakt zur Außenwelt im Notfall - mein Handy ist heute auch GPS-Sender, damit Max mich finden kann. Max hat zugesagt, mich einen Teil des Wegs mit dem Fahrrad zu begleiten.
Der Morgen vergeht und schon ist es 13:45 Uhr. Noch ehe der gestellte Handy-Wecker mich erinnern kann, mache ich mich auf, kontrolliere sicherheitshalber das Gepäck, starte den Live-Track und versende den Link. Um 13:58 Uhr stehe ich vor der Haustür - noch schnell ein Selfie für die Instagram-Gemeinschaft -, dann kann es losgehen.
Ich trabe gemütlich los. Meine Strecke in der Stadt ist so gewählt, dass ich möglichst wenig Straßen überqueren muss. Erst nachdem die Weser überquert ist und ich die Bahnhofsgegend passiere, hält mich eine rote Ampel auf. Aber das stört mich nicht. Die kurze Wartezeit wird schnell mit der schönen und friedlichen Straße entlang des Bürgerparks belohnt. Erwartungsgemäß ist am Stadtwaldsee und auf dem Radweg stadtauswärts bis zu den Cafés an der Wümme sehr viel los. Einige Leute schauen interessiert, andere beäugen mich mit meinem prallen Rucksack eher skeptisch. Aber mir ist es egal. Die Kilometer laufen sich fast wie von selbst und das Tempo rund um 05:40 min / km ist auch völlig in Ordnung.
Im Nu erreiche ich Borgfeld und überlege gerade, ob Max mit dem LiveTrack zurecht kommt. "Er würde sich schon melden wenn nicht", denke ich, laufe eine langgezogene Kurve und sehe in 200 Metern Entfernung mein Bruderherz stehen und winken. Beflügelt winke ich zurück, was zu Irritationen im Gegenverkehr führt. Ich grüße die verdutzt dreinschauenden Passanten und laufe zu Max. Das hat ja wirklich problemlos geklappt. Wir schnacken munter vor uns hin und die Kilometer fliegen nun noch schneller.
Vor Fischerhude erlebe ich eine kurze Müdigkeitsphase. Die Motivation der Beine ist ungehemmt, aber die Sonne im Nacken macht auf Dauer schon mürbe. Zum Glück ist das einzige Waldstück auf der Strecke in greifbarer Nähe und bald erfreue ich mich am wohltuenden Schatten der großen Eichen.
In Fischerhude beginnen Max und ich, die weitere Lauftaktik zu besprechen. Klar, ich erfülle mir heute ein kleines Träumchen, aber es ist trotzdem ein Trainingslauf der Marathon-Vorbereitung. Das bedeutet: sechs Kilometer Endbeschleunigung! Wo die allerdings so ganz genau beginnen, das wissen wir nicht. Wir orientieren uns an den Fahrrad-Wegweisern und überschlagen den Startpunkt. "Von hier aus müssten es noch etwa neun Kilometer sein", sage ich und kontrolliere die Kilometer-Anzeige auf meiner Uhr. "Bei Kilometer 33 renne ich los." Max fragt, wie schnell ich etwa laufen möchte. Das ist natürlich Gefühlssache und situationsabhängig, aber ich rechne mit etwa 04:20 Minuten pro Kilometer.
Die gemütlichen drei Kilometer neigen sich sehr schnell dem Ende zu und pünktlich auf dem groben Schotterweg beginnt die Endbeschleunigung. Mühelos erhöhe ich die Schrittfrequenz und -länge. Mein Gefühl sagt mir, ich bin deutlich zu schnell und der Blick auf die Uhr bestätigt das. Ich nehme minimal Fahrt raus, will aber sehen, was nach 33 Kilometern drin ist. Und ich staune. Da geht was.
In Ottersberg müssen wir zwei Mal die Straße überqueren. Alleine hätte mich das etwas Tempo gekostet, aber Max fungiert heute als zusätzliches Paar Augen. So komme ich ohne große Einbußen durch Ottersberg und befinde mich auf der Zielgeraden. Eigentlich sollte Max dafür sorgen, dass ich zum Ende nicht nachlasse, aber dazu kommt es gar nicht. Der Wille, alles zu geben, bestimmt den letzten Kilometer. Und dann ist es geschafft. Sechs Kilometer Endbeschleunigung in 25 Minuten - das sind im Schnitt 04:10 Minuten pro Kilometer.
Nach 39,26 Kilometern und 03:33:25 Sekunden erreiche ich erschöpft und glücklich das elterliche Haus in Stuckenborstel. Max und ich klatschen ab und genehmigen uns auf den Erfolg erstmal ein alkoholfreies Bier. Der Grillabend kann kommen.


Dieser Beitrag wurde am 07.08.2018 von Jan geschrieben.

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