Am Ende ist immer alles gut...


Jan, Max und Jürgen bei der Sollingquerung

Ich bin nass... so richtig nass! Seit einer Stunde regnet es ohne Unterlass und in den letzten Minuten hat sich dieser penetrante Sprühregen zu einem echten Dauerregen gemausert. Die letzten trockenen Stellen meines Körpers wurden innerhalb von Sekunden von einer Welle geflutet und jetzt spüre ich, wie die Feuchtigkeit meinem Körper die Wärme entzieht. Mir geht es nicht gut. Hinter mir liegen 29 Kilometer, vor mir liegen weitere 19. Mich plagen Seitenstiche und Gelenkprobleme. Und etwa neun Kilometer später wird meine innere Stimme feststellen, dass ich mich in meinem ganzen Leben noch nicht so beschissen gefühlt habe. Hätte ich am Morgen gewusst, was mir im Laufe des Tages noch bevorsteht, ich hätte die Wesertherme wahrscheinlich nie verlassen.
Aber spulen wir ein wenig zurück. Vor einem Jahr sind Max und Papa bei der Sollingquerung mitgelaufen und kamen völlig euphorisiert zurück. Sie schwärmten von der wunderschönen Natur und der herzlichen Organisation. Ich habe letztes Jahr nicht an der Sollingquerung teilgenommen, denn ich wollte mich in diesem Jahr eigentlich auf die kürzeren Distanzen konzentrieren. Gut, dieses Ziel habe ich schon früh im Jahr an den Nagel gehängt. Darum kamen mir auch bald wieder die Schwärmereien in den Sinn und so entschlossen wir uns als Lauftruppe, dass wir die Sollingquerung 2019 gemeinsam angehen wollen.
Um diesen Lauf stressfrei genießen zu können, haben wir entschieden, das ganze Wochenende in Dassel zu bleiben. Zu dritt reisen Max, Papa und ich am Freitag mit dem Auto aus Stuckenborstel an, während Sabrina sich aus Bonn mit dem Zug auf die Reise macht. Die A7 sorgt auch in diesem Jahr für Unmut: 100 Meter vor Ende der Langzeit-Baustelle ist ein polnischer LKW liegen geblieben und sorgt auf der ohnehin schon viel zu engen Autobahn für einen massiven Stau, in dem wir eine Stunde verlieren. Nach diesem Zeitverlust klappt eigentlich alles gut... aber auch wirklich nur eigentlich. Denn beim Start gaben wir "Deutsche Eiche Dassel" ins Navigationsgerät ein und ließen uns leiten. Auf den letzten Kilometern vor'm Ziel hörte man häufig ein gemurmeltes "Hier war ich noch nie" oder etwas ähnlich skepsiserregendes. Und als wir dann beim Ziel ankommen, verfestigt sich das Gemurmel zu einem wissentlichen "Nö, hier sind wir falsch!" Tja, und so durften wir feststellen, dass es in der Nähe von Dassel eine Gaststätte "Deutsche Eiche" gibt. Aber kein Problem, wir müssen nur noch fünf Kilometer weiterfahren und sind dann endlich da.

Sonnabend, 02. November 2019 - Dassel
Nun ist er da, der langersehnte Wettkampf-Morgen. Ab Oktober gönnten Max und ich uns ein ordentliches Wettkampf-Pensum: der Marathon in Bremen, zwei Wochen später der Marathon in Oldenburg (verkleidet) und wieder zwei Wochen später die Sollingquerung - die ist für uns alle besonders, denn endlich ist auch unser Papa Jürgen nach längerer Auszeit wieder mit am Start. Mit der Sollingquerung endet unser Wettkampf-Plan für 2019. Klar, wir werden noch an Läufen teilnehmen, aber eher spontan und bei keinen großen Events.
Nach einem gemütlichen Frühstück mit Läufer-Flair (das Hotel beherbergt einige Teilnehmer der Sollingquerung) machen wir uns auf den Weg zum Dasseler Sportplatz. Dort herrscht schon reges Treiben und tatsächlich sprechen uns einige Teilnehmer auf das Video aus dem Vorjahr an. Einige Läufer fragen uns, ob wir auch in diesem Jahr ein Video erstellen. Geplant haben wir das nicht, aber eine Kamera wollten wir trotzdem mit auf die Strecke nehmen. Dabei fällt mir auf: die Kamera habe ich heute Morgen gar nicht eingepackt. Nach kurzem Hin und Her fahren Sabrina und ich zum Hotel, um die Kamera zu holen. Nur muss ich im Hotel feststellen, dass die Kamera nicht in meinem Rucksack ist. Ich ärgere mich - einerseits, weil ich keinen Schimmer habe, wo die Kamera geblieben sein könnte, andererseits, weil es schon die zweite Sache ist, die ich vergessen habe. Aber über Dinge, die man nicht mehr ändern kann, sollte man sich auch nicht ärgern. Wir düsen zurück zum Sportplatz, wo Papa, Max und ich unsere überflüssigen Klamotten ablegen, uns von Sabrina verabschieden und in den Bus zum Start einsteigen. Vor der Busfahrt graut es mir ein wenig, denn (Ultra-)Läufer haben eine unheimliche Vorliebe für Bananen, die ich so gar nicht teile. Ich hasse den Geruch von Bananen. Wenn jemand in meiner Nähe eine Banane isst, ergreife ich die Flucht. Nur ist Flucht schwierig, wenn man auf engem Raum eingepfercht ist. Doch ich habe Glück: wir fahren bis zur Wesertherme, ohne dass ich mit dem Notfall-Hammer eine Busscheibe zertrümmern muss. In Bad Karlshafen angekommen, eilen alle etwa 90 Teilnehmer mit unterschiedlich stark ausgeprägter Vehemenz in die Wesertherme und zu den Toiletten. Wenn es jemals eine Laufveranstaltung geben sollte, bei der dieses Thema nicht zur Sprache gebracht werden kann, wäre ich schwer beeindruckt - aber wir Schlusnüsse als Keramik-Romantiker können damit prima leben.
Um kurz vor neun Uhr sind alle Läufer vor dem Eingang der Therme versammelt und Ariën, einer der Organisatoren, gibt einige wichtige Informationen und Änderungen im Streckenverlauf bekannt. Und ohne große Umschweife geht es los: auf ein heilloses Gepiepe der GPS- und / oder Stoppuhren folgt ein stetes Getrappel von Laufschuhen. Und ja, eigentlich kann man sagen, dass schon hier die ersten Regentropfen fielen. Aber wer würde sich daran stören?
Max und ich starten für unsere Verhältnisse recht weit vorne. Ganz vorne läuft Ariën zusammen mit den Laufassen. Ariën führt uns bis zum Wald, bleibt dann stehen und klatscht alle Läufer ab. Bereits nach kurzer Zeit erreichen Max und ich die erste Streckenänderung: hier geht es schnurstracks einen Hang hinauf. "Nur gut, dass wir zu den Ersten gehören, die hier vorbei kommen. Für die Letzten wird das eine ganz schöne Schlammschlacht.", meint Max. Aber nach dieser doch ganz ordentlichen Steigung geht es nur noch moderat bergauf. Max und ich finden unser Tempo und laufen bestens gelaunt durch die Natur. Wir kommen an Aussichtspunkten vorbei, deren Weitblick im letzten Jahr von Nebel verschleiert war. Heute kann man weit schauen und wir genießen die Aussicht.
Schnell zieht sich das Teilnehmerfeld auseinander und bald kennen wir die Gesichter der anderen Läufer. Mal überholen wir, mal werden wir überholt, aber irgendwie bleiben wir doch ungefähr auf der selben Platzierung. Ehe ich mich versehe, erreichen wir das Labyrinth bei Kilometer zehn. Hier muss jeder Läufer durch und nicht jeder Läufer nimmt das Hindernis mit Humor, aber heute gestaltet sich das Durchkommen nicht besonders schwierig: ein paar Kinder, die zum Verpflegungspunkt hinter dem Labyrinth gehören, versperren die falschen Abzweigungen und im Nu sind Max und ich auf der anderen Seite. Ich freue mich schon auf einen warmen Tee, komme aber nicht zur Anrichte durch, denn ein anderer Läufer hat es sich dort bequem gemacht und schnackt mit den Helfern. Aber nach einem dezenten Hinweis meinerseits lässt er mich durch. Ruckzuck sind Max und ich verpflegt und laufen weiter.
Hinter dem zweiten Verpflegungspunkt bei Schönhagen treffen wir zum ersten Mal auf Sabrina. Sie hat sich mit reichlich Klamotten gegen die Kälte gewappnet, schießt ein paar Fotos von uns und wünscht uns weiterhin viel Spaß.
Bei Kilometer 17 erwartet uns der zweite längere Anstieg. Bis hierhin lief eine junge Frau ungefähr unser Tempo (bergab etwas schneller, bergauf etwas langsamer), die vor Schönhagen gestand, dass bergauf nicht so ihre Spezialität sei. "Die richtigen Anstiege des Laufs kommen erst jetzt", meint Max in die Runde und auch wenn das nicht seine Absicht gewesen ist, scheint diese Aussage die junge Frau zu demotivieren. Sie bleibt zurück und Max und ich sind eine Weile für uns.
Das fiese an den Steigungen bei der Sollingquerung ist, dass fast alle Anstiege laufbar sind. Bei anderen Läufen mit größerem Höhenmeter-Anteil werden die meisten Anstiege gegangen, um die Kräfte etwas zu schonen. Hier wandelt man auf dem Grat zwischen Kräfte schonen und Tempo wahren... und das Läufergewissen verlangt in dieser Situation natürlich die laufende Fortbewegung. Was widerum zur Folge hat, dass die Kräfte anders beansprucht werden, als bei einem 48-Kilometer-Lauf mit steilen Anstiegen. Max neigt bei diesen laufbaren Anstiegen dazu, einen Punkt im weiteren Streckenverlauf ins Auge zu fassen: "Bis zu diesem Schild laufen wir und dann schauen wir, ob wir ein Stück gehen." Und auch ich springe auf den Zug auf: "Bis zu den beiden Jungs da vorne laufen wir und dann überlegen wir, ob wir ein Stück gehen." Wir schließen zu den beiden Jungs auf, die, kaum dass wir auf ihrer Höhe sind, vom Gehen zum Laufen wechseln. Wir kommen ins Gespräch und erst als wir den Hochpunkt überwunden haben, fällt uns wieder ein, dass wir ein Stück hätten wandern wollen.
Bergab rollen Max und ich bald wieder alleine und erreichen den nächsten Verpflegungspunkt. Hier steht ein Rettungswagen, der bei Max direkt schlechte Erinnerungen wach ruft. Im letzten Jahr hat ihn ein solcher Rettungswagen nämlich eine ganze Zeit verfolgt. "Da nimmt man an einem Landschaftslauf teil und hat die ganze Zeit einen brummenden Diesel hinter sich", meint Max. Aber wir sind guter Dinge, denn die Rettungssanitäter stehen am Verpflegungspunkt und machen keine Anstalten, in den Wagen zu springen und uns zu verfolgen. Gerade, als wir neben dem Verpflegungspunkt zum Stehen kommen, verdichtet sich der vor 30 Minuten aufgekommene, feine Nieselregen zu einem unangenehmen und alles durchnässenden Sprühregen. Aber davon lassen wir uns nicht entmutigen. Wir trinken ein paar Becher Saft und machen uns dann an die nächste Steigung. Max erzählt mir gerade, dass diese Steigung nur kurz dauern würde und wir schon sehr bald nach links in den Wald laufen werden, als hinter uns Motorengeräusche zu hören sind. Ein Schulterblick bringt Max Laune ins Wanken: der Rettungswagen hat sich an unsere Fersen geheftet. Letztes Jahr konnte Max diesen Verfolger abschütteln, indem er mit Papa einen anderen Läufer überholt hat - denn der Rettungswagen überholt keine Läufer. Doch daran ist heute nicht zu denken: vor uns sind zwar Läufer, aber diese Aufholjagd wäre die Entlohnung nicht wert. Also laufen wir weiter durch die Natur - mit dem Brummen eines Dieselmotors im Nacken.
Es ist nun drei Kilometer her, dass Max mir von der nur kurz andauernden Steigung erzählte. Aber der verkackte Anstieg will einfach kein Ende nehmen. Hinter mir brummt der Dieselmotor, über mir pissen die Wolken ohne Unterlass auf uns nieder und vor mir ist kein Ende der Steigung in Sicht. Als die Wegweiser uns endlich nach links in den Wald schicken und wir uns wieder auf einer ebenen Fläche bewegen, peitscht der kalte Wind dicke Regentropfen vor sich her. Ich spüre, wie ein Schwall Wasser auch die letzten Stellen meines Körpers tränkt... und als ich den Blick hebe, tut sich vor mir eine Wand auf: die Steigung hat nur kurz Pause gemacht, wir müssen noch weiter kämpfen. Ein kurzes Stück gehen wir, stellen dabei aber fest, dass wir viel zu stark auskühlen und joggen deshalb wieder an. Auf dem Gipfel ist meine Laune schon recht schlecht. Bergab ziehen wir das Tempo etwas an, damit der Rettungswagen nicht mehr unmittelbar hinter uns ist. Aber das gesteigerte Tempo führt bei mir zu Seitenstichen, die ich partout nicht wegatmen kann. Im Laufe der nächsten Kilometer bin ich konzentriert, die Seitenstiche in den Griff zu bekommen, aber es gelingt mir nicht. Stattdessen gesellen sich Schmerzen im Hüftgelenk dazu. Und da bin ich nun: 29 Kilometer liegen hinter mir, 19 weitere vor mir.
An die folgenden zwei Kilometer erinnere ich mich nicht wirklich. Aber dann, ein kleiner Lichtblick: am Wegesrand parkt Max Auto und beim nächsten Verpflegungspunkt wartet Sabrina auf uns. Sie ist gut gelaunt und das beruhigt mich, denn ich machte mir Sorgen, dass das schlechte Wetter auch ihren Tag eintrüben könnte. Aber sie trotzt dem Regen - sichtlich besser als ich.
Nach einem etwas längeren Stopp am Verpflegungspunkt traben Max und ich weiter. Das Anlaufen bereitet mir mittlerweile Schwierigkeiten und ich frage mich, was bloß mit mir los ist. Der wunderschönen Landschaft um mich schenke ich kaum Beachtung, obwohl sie es wirklich verdient hätte. Ich habe Mühe, mit Max mitzuhalten. Meine Hüfte schmerzt und ich merke, dass nicht jeder Schritt so richtig sicher gesetzt ist. Unbewusst schaffe ich eine Blase und verliere mich in mir selbst, steigere mich immer weiter in meine Empfindungen hinein und verstärke damit jedes negative Gefühl - ich ziehe mich selbst hinab.
Max versucht alles, um mich aus meinem Tief herauszuholen, aber leider kommt er nicht zu mir durch. Ich habe ein schlechtes Gewissen, dass wir meinetwegen vom Kurs auf unsere angepeilte Zielzeit abkommen und sage Max, dass er ohne mich weiterlaufen soll. Aber Max denkt gar nicht daran. "Wir laufen zusammen bis ins Ziel. Du müsstest mich schon Verprügeln, dass ich dich zurück lasse!" So ist er, mein Bruder: Familienzusammenhalt und Loyalität stehen über allem - der beste Bruder der Welt!
Bis Kilometer 38 laufen wir, dann gesellt sich auch mein rechtes Knie zum Schmerz-Arsenal dazu. Gerade sind wir am Schild "Die Sollingquerung ist nur ein Zehn-Kilometer-Lauf mit 38 Kilometern Anlauf" vorbei, da bringt mich eine Knie-Hüft-Schmerzkombo aus dem Tritt und ich muss stehen bleiben. Genervt setze ich meinen Rucksack ab und beginne im Notfall-Fach zu wühlen. "Da habe ich doch gestern noch die Traumaplant-Tube gesehen...", denke ich und will - und sei's nur der Placebo-Effekt - etwas gegen meine schlechte Stimmung tun. Aber der Versuch geht gnadenlos nach hinten los: erst gelingt es mir nicht, irgendwas aus diesem bescheuerten Rucksäckchen zu fummeln und dann stellt sich heraus, dass die gestern noch gesehene Tube gar kein Traumaplant, sondern Bepanthen ist. Um ein Haar hätte ich die blöde Tube mit Schmackes in den Wald gefeuert, aber ich reiße mich zusammen, packe sie zurück in den Rucksack, setze den wieder auf und hump'le weiter. Ab hier ist auch das letzte bisschen Gutmütigkeit verloren. Immer wieder dreht sich meine Hüfte bei Schmerzreizen weg und mein Laufstil sieht wahrscheinlich ausgesprochen albern aus. Meine Finger sind völlig aufgeweicht und so kalt, als hätte ich gerade eine Schneeballschlacht ohne Handschuhe bestritten. Wann immer sich das Wasser in meinen Schuhen gerade auf Körpertemperatur aufgewärmt hat, kommen wir auf schlammige Wegabschnitte und das warme Wasser wird durch kaltes verdrängt. Und genau hier, an diesem Punkt, weist meine innere Stimme mich darauf hin, dass ich mich selbst noch nie in eine so beschissene Situation manövriert habe.
Aber im Grunde genommen ist diese Erkenntnis auch wegweisend für die Wendung. Wobei mit Wendung nicht gemeint ist, dass es besser wurde - es wurde ab hier nur nicht mehr schlimmer. Einerseits war da Max, der mich zu Raeson rief, mich nicht länger auf das Negative zu konzentrieren. Andererseits war da diese schüchterne innere Stimme, die sich der ersten Stimme entgegen stellte: "Beschissenste Situation des Lebens? Erinnere dich mal an..." gefolgt von diversen Situationen, in denen es um mein Wohlbefinden ebenfalls nicht so gut bestellt war. Meine eigenen gedanklichen Widerworte ließen dann auch die erste Stimme zweifeln: "Ja, aber das fühlt sich im Nachhinein gar nicht mehr so schlimm an..." Und da machte es Klick. Klar geht es mir jetzt schlecht. Aber im Nachhinein zählt nicht mehr, ob ich eine Situation gut oder schlecht durchstehe - es zählt nur, es durchzustehen. Ja, ich habe im Laufe des Laufs ans Aufgeben gedacht - zum ersten Mal in meinem Läuferleben. Aber Aufgeben ist keine Option. "Schmerz vergeht, Stolz besteht!"
Und so kämpfe ich mich mit Max an meiner Seite weiter durch den Lauf. Einige Läufer überholen uns, aber das ist mir egal. Ich muss noch ein paar Mal anhalten oder gehen, aber das ist nicht so schlimm. "Dort ist die Straße, auf der wir heute Morgen mit dem Bus gefahren sind. Noch ein Stück, dann kommen wir auf die Straße, dann sind wir quasi schon in Dassel und dort wartet das Ziel auf uns", ermutigt mich Max. Wieder laufen drei Läufer an uns vorbei. Max dreht sich mittlerweile gelegentlich um und fürchtet jeden Moment, dass Papa um die Ecke schießt und uns überholt. Ich fürchte mich nicht. Wenn er kommt, gönne ich ihm den Triumph. Mein Ziel ist jetzt greifbar geworden. Wir sehen vor uns das Ortsschild von Dassel. Kurze Zeit später biegen wir in die Schillerstraße ein. Es folgt die Goethestraße und dann: die Lessingstraße. Hier ist der Sportplatz, hier wartet das Ziel. Wir traben über die Ziellinie, mein Gesicht durchläuft mehrere mimisch sehr ausdrucksstarke Regungen und dann ist es geschafft: die Sollingquerung ist im Sack! Beeindruckenderweise erreichen Max und ich die Ziellinie exakt in derselben Sekunde - obwohl wir schon sehr viele Läufe zusammen bestritten haben, ist uns die exakt identische Zielzeit bislang noch nicht gelungen.
Im Ziel muss ich an mich halten, Sabrina nicht zu überschwänglich in den Arm zu nehmen - ich bin patschnass und da spielt Schweiß auch eine nicht unerhebliche Rolle. Am liebsten hätt' ich sie in den Arm genommen und nicht mehr losgelassen, aber ein Finisher-Küsschen muss reichen - dann kommt ihr Helferinstinkt schon durch und leitet alles in die Wege, damit es mir ganz schnell wieder richtig gut geht. Im Nu habe ich heißen Tee und einen Teller Nudeln (wobei ich mir die Nudeln selbst holen muss, denn die sind nur für Läufer bestimmt).
Mit Nudeln und alkoholfreiem Bier gestärkt, geht es mir schon viel besser. Zu dritt begrüßen wir die ins Ziel kommenden Läufer, von denen viele beneidenswert gut gelaunt einlaufen. Und Papa lässt auch nicht all zu lange auf sich warten. Er biegt um die Kurve und sein Laufstil zeigt Kampfgeist. Im Ziel wird er uns erzählen, dass sich ein später nachfolgender Läufer auf den letzten Kilometern noch ein kleines Kämpfchen mit ihm gegönnt hat. Papa kam mit über einer halben Minute Vorsprung ins Ziel, aber wie sicher man ein Rennen für sich entscheidet, das weiß man oft erst hinterher.
Nachdem alle Schlusnüsse umgezogen und satt und zufrieden sind, verabschieden wir uns mit großer Dankbarkeit von den Helfern und Organisatoren und natürlich auch von den anderen Läufern.
Tatsächlich lässt der Zufall im Laufe des Abends unseren Weg mit dem von sechs Läufern und einem Helfer kreuzen. Als wir das Hotel verlassen, um zum örtlichen Italiener zu gehen, treffen wir auf drei andere Läufer. Die teilen uns mit, dass beim Italiener eine geschlossene Gesellschaft sitzt. Von Ariën wurde ihnen ein Grieche im Ort empfohlen und kurzerhand schließen wir uns dem Dreiergespann an. Beim Griechen stellen wir allerdings fest, dass eine Tischreservierung auch bei einer so kleinen Laufveranstaltung unabdingbar gewesen wäre. In einer kurzen Diskussion unserer Möglichkeiten stellt sich heraus, dass unser Hotel die logische Alternative bietet und so kehren wir zurück. In der Gaststube schieben wir zwei Tische zusammen und erleben ein sehr lustiges Abendessen. Als wir fast fertig gegessen haben, kommen noch zwei Läuferinnen in den Raum. Wir laden sie ein, sich zu uns zu setzen. Wir tauschen uns über das aus, worüber Läufer sich nunmal so austauschen. Und es dauert nicht lange, da gesellen sich noch der Lauffotograf und seine Frau, die ebenfalls am Lauf teilgenommen hat, zu uns. In dieser großen Runde erleben wir einen unglaublich witzigen und sehr geselligen Abend in der Gaststube "Deutsche Eiche".
Aus meiner Erfahrung des heutigen Laufs kann wahrscheinlich niemand außer mir selbst eine Lehre ziehen. Natürlich kann ich jedem ein paar Tipps mit auf den Weg geben, aber richtig beherzigen kann man sie wahrscheinlich erst nach einer solchen Erfahrung. Also: vergiss niemals, wie maßgeblich Dein Erfolg von Deiner inneren Einstellung abhängig ist. Man kann alles schaffen; man schafft es aber leichter, besser und schneller mit einem positiven Blick auf die Dinge. Wenn Du denkst, es gibt keine positive Perspektive, versuch' es mal mit einem Lächeln. Das Lächeln kann noch so falsch sein, es hebt die Stimmung. Und wenn das nicht hilft, dann rufe Dir in Erinnerung, dass alle schlechten Dinge rückblickend gar nicht mehr so schlimm wirken. Die Vergangenheit verschleiert das Negative. "Everything looks better in black and white." "Schmerz vergeht, Stolz besteht!" Oder eben: Am Ende ist immer alles gut. Und wenn's nicht gut ist, ist es noch nicht das Ende.
So, genug der Möchtegern-Weisheiten. Wahrscheinlich werd' ich diese Lektion noch ein paar Mal im Leben lernen müssen, aber ich bin stolz darauf, dass ich die Zähne zusammen gebissen und es durchgezogen habe. Und ich bin froh, den besten Bruder der Welt an meiner Seite zu wissen - komme, was da wolle!
Und jetzt, liebe Lauffreunde: zieht los und stellt Euch der nächsten Herausforderung. Und wenn Ihr Euch auch mal der Sollingquerung stellen wollt, dann denkt daran, dass es nur 90 Startplätze gibt... ab 2020 haben die Starter beim Sollinglauf übrigens einen garantierten Startplatz bei der Sollingquerung.


Dieser Beitrag wurde am 03.11.2019 von Jan geschrieben.

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