Wenn der Wurm drin ist


Jürgen, Max, Jan, Heike, Sabrina, Christiane, Johanna und Charlotte beim SchlUHM

Im Laufjahr 2020 ist wenig so, wie wir Läufer es uns gewünscht haben. Ich für meinen Teil bin bei keiner einzigen Laufveranstaltung gewesen. Umso größer war meine Vorfreude auf unsere eigene Laufveranstaltung - unseren SchlUHM. Die Vorfreude wurde am Veranstaltungstag - muss man leider ganz ehrlich sagen - von der Realität etwas eingedunkelt. Aber so ist es im Leben: manchmal kommen die Dinge anders als wir es uns wünschen. Und bei unserem zweiten offiziellen SchlUHM ging es drunter und drüber. Aber der Reihe nach...
Sonnabend, 17. Oktober 2020
06:20 Uhr, der Wecker klingelt. Das ist mal eine moderate Frühstückszeit für einen Wettkampftag! Es hat schon seine Vorteile, selbst der Veranstalter eines kleinen Laufs zu sein. Man legt sich den Start so, wie er gut in den Tag passt und außerdem ist die Laufstrecke auch in erreichbarer Entfernung - nämlich direkt vor der Haustür. Aber das Veranstalterdasein hat auch seine Tücken, zumindest dann, wenn man sowohl Veranstalter als auch Läufer ist. Denn dann wollen die Morgenrituale des Läufer-Ichs mit den letzten Vorbereitungen des Laufs vereint werden. Das kann dann schon mal ein wenig hektisch werden. Insgesamt waren die letzten Wochen der Vorbereitung etwas trubelig und meine Vorfreude paart sich mit einer gewissen Aufregung. Wird alles so klappen, wie ich es mir vorstelle? Wochenlang habe ich an einer überarbeiteten Fassung des Zeitnahmeprogramms gearbeitet. Bis zur Ermüdung wurde die Überarbeitung getestet und auf Schwachstellen untersucht, bis zuletzt alles reibungslos lief. Aber wie das immer so ist: was, wenn es genau dann, wenn es flüssig laufen soll, nicht flüssig läuft? Diese Sorge begleitet meinen Morgen und meine Aufbauarbeiten.
Pünktlich um 08:45 Uhr finden sich die anderen Läufer - die übrige Familienschar, denn der SchlUHM bleibt auch in seiner zweiten Fassung eine Privatveranstaltung. Die Vorstellung der Technik sowie die Einweisung in den Ablauf ist schnell gemacht. Doch gerade, als ich Charlotte die technischen Feinheiten vermitteln möchte, verweigert das Programm mir die Eingabe. Gut, denke ich mir, diesen Programmbaustein hast du auf den letzten Drücker eingefügt, da warst du vermutlich etwas unaufmerksam. Also lasse ich die technische Einweisung bleiben, denn der Lauf kann auch ohne diese Kleinigkeit stattfinden. Die Läufer positionieren sich, der Countdown zählt hinab und die Starthupe schickt uns in den Lauf. Max und ich setzen uns an die Spitze der kleinen Läuferschar und traben tratschend die wohlbekannte Strecke entlang. Über ein paar Runden klappt alles prima und Max und ich versuchen herauszubekommen, was der jeweils andere sich als Ziel für den Lauf vorgenommen hat. Nach nicht einmal 20 Minuten laufen Max und ich in unserer Formation durch den Start-Ziel-Bereich, da ruft Max mir von hinten zu, der Bildschirm wäre gerade blau geworden. Ohje, schießt es durch meinen Kopf, ein Bluescreen bedeutet nie etwas Gutes! Ein Bluescreen ist es auch nicht, aber das macht es auch nur unwesentlich besser. Das mir entgegenleuchtende Blau kommt vom Desktophintergrund des Laptops - das Programm hat wegen eines Speicherfehlers selbst beendet. Mist, Worst-Case-Szenario! Im Eiltempo versuche ich, die Datensicherung abzurufen und einen Neustart durchzuführen. Das klappt auch und nach vier Minuten Zeitverlust bin ich wieder auf der Strecke.
Aber manchmal ist in einer Sache der Wurm drin. Bei all den vielen Tests der letzten Wochen lief alles problemlos und störungsfrei - heute hingegen will einfach alles schief gehen. Ich laufe gerade meine zwölfte Runde, da ruft Max aus dem Start-Ziel-Bereich zu mir herüber, dass sein Chip nicht mehr gelesen wird. Ich unterbreche meine Runde und komme ihm zu Hilfe, nur um festzustellen, dass ein weiterer Speicherfehler den Bildschirm eingefroren hat. Mir ist nach Schimpfen zumute und das mache ich auch... Max schicke ich wieder auf die Strecke, denn helfen kann er mir mit meinem IT-Desaster nicht. Noch bevor ich meine Bestandsaufnahme starte, weiß ich schon, dass hier eine Notlösung umgesetzt werden muss. Ein Programm, das zwei Mal abstürzt, wird vor dem dritten Mal nicht Halt machen. Während ich fieberhaft überlege, wie ich die Kuh vom Eis bekomme, unterbricht Sabrina ihren Lauf um mich zu unterstützen. Ich bitte sie darum, die Durchgangszeiten der jetzt vorbeilaufenden Teilnehmer festzuhalten, um irgendwie die Veranstaltung zu retten. Und so verbringen wir einige Zeit - ich entferne den madigen Programmschnipsel und Sabrina erarbeitet sich ein System zur schnellen Dokumentation der Durchgangszeiten. Es dauert viel länger als mir lieb ist, aber bald kann ich eine stark abgespeckte Version des Programms zum Laufen bringen. Mit den gespeicherten Durchgangszeiten der beiden abgestürzten Durchläufe sowie den umgerechneten Durchgangszeiten, die Sabrina notiert hat, schaffen wir es, einen aktuellen Stand auf die Bildschirme zu bringen. Leider ergab die Bestandsaufnahme, dass nicht nur ein unwichtiger Software-Fehler vorliegt, sondern auch, zusätzlich, ein ziemlich maßgeblicher Hardware-Defekt. Gemeinsam mit dem letzten Programmabsturz hat sich nämlich auch das Chip-Lesegerät verabschiedet. Wenn der Wurm erstmal drin ist... Die schnelle Notlösung sieht vor, dass eine Person vor dem Laptop sitzen bleibt und manuell durch einen Klick auf den richtigen Läufernamen die Rundenzeit erfasst. Eine stupide Aufgabe, aber leider notwendig, um den Lauf zu retten. Sabrina erklärt sich bereit, die erste Schicht zu übernehmen und scheucht mich zurück auf die Strecke.
Frustriert laufe ich die nächsten Runden in einem ziemlich zügigen Tempo. Eine gute Enddistanz brauche ich mir nach über zwei Stunden "Pause" nicht erhoffen, aber wenigstens etwas Strecke möchte ich noch machen. Sehr schnell teilen mir meine Füße aber mit, dass sie es gar nicht so witzig finden, eine halbe Stunde geschwitzt zu haben und dann zwei Stunden im eigenen Schweiß ausgekühlt zu sein. Um hier schlimmere Schäden zu vermeiden, laufe ich zu einem kleinen Boxenstopp ein und wechsel' sowohl die Schuhe als auch die Socken. Die Schuhe - eigentlich schon aussortiert - fühlen sich im Vergleich unheimlich schwer an. Aber gejammert wird nicht, jetzt wird gelaufen!
Ich laufe und laufe und bis etwa 04:30 Std bin ich auf einem gar nicht so schlechten Kurs. Bei meiner nächsten vollendeten Runde stehe ich plötzlich vor einem schwarzen Bildschirm. Am Computer sitzen mittlerweile meine Mutter und Charlotte: "Jan, die Bildschirme sind gerade ausgegangen und der Bildschirm vom Laptop ist auch dunkler geworden" Ein kurzer Blick auf die Steckerleiste bestätigt, was ich schon vermutet habe: Stromausfall. Glücklicherweise läuft der Laptop auch mit Akku noch ein Weilchen, also ist nichts verloren. Ich trabe weiter die Strecke entlang und bin fast dort angekommen, wo sich der Sicherungskasten befindet, da kommt mir auch schon Johanna entgegen: "Jan, bei mir funktioniert der Strom nicht mehr!" Wieder gehen wertvolle Minuten der Laufzeit für mich verloren und spätestens jetzt ist mir endgültig klar: einen Ultralauf schaffe ich heute unter keinen Umständen! Und mit dieser Ernüchterung fällt es mir sehr leicht, Stück für Stück die möglichen Fehlerquellen für den Stromausfall abzugehen. Tja, wenn der Wurm erstmal drin ist... Zu meinem Erstaunen scheint der Stromausfall aber nichts mit unserer Laufveranstaltung zu tun zu haben. Denn nachdem ich alle Leitungen vom Lauf vom Netz nehme, will sich der Schutzschalter nach wie vor nicht reaktivieren lassen. Erst nach einer weiteren Suche ist ein potentieller Schuldiger ausgemacht: ein Verlängerungskabel in der Wohnung, das möglicherweise einen Isolierungsschaden (durch Katzenbiss?) hat. Zumindest lässt sich der Schutzschalter nach Entfernen des Kabels wieder einschalten und auch die Lauftechnik kann ohne weitere Zwischenfälle wieder ans Netz gehen. Verrückt, denn nach allem, was bisher schief gegangen ist, hielt ich es für durchaus plausibel, dass auch noch ein Stromausfall auf die Kappe des SchlUHM 2020 geht.
Der Lauf nähert sich nun allmählich dem Ende und nur noch Sabrina und ich sind auf der Strecke. Max, der in den letzten Wochen wirklich wenig zum Laufen gekommen ist, freut sich enorm darüber, heute den SchlUHMi-Titel (Schlusnus-Ultra-Hof-Marathoni) errungen zu haben. Darauf kann er mit Recht stolz sein, zumal er heute der Einzige mit diesem Ehrentitel bleibt. Indes strebt Sabrina nach einer ganz anderen Grenze: nachdem sie am Rundenzähler abgelöst wurde, lief sie wacker Runde für Runde und konnte schon bald einen persönlichen Distanzrekord aufstellen. Und plötzlich war für sie eine magische Grenze greifbar nahe: die Halbmarathon-Distanz. Die ist sie noch nie zuvor gelaufen. Das und die Anfeuerungsrufe von Max und Papa ermutigen sie, diese Grenze ins Visier zu nehmen. Doch die Zeit drängt und die wirklich schwierige Strecke fordert ihren Tribut. Auch ich merke, wie schwer meine Beine und mein Kopf geworden sind. Aber Sabrina ist stark. Sie kämpft gegen die Ermüdung und gegen die Zeit. Nach Vollendung meiner 71. Runde warte ich im Start-Ziel-Bereich und begleite sie bei ihren letzten vier Runden. Und obwohl alles schmerzt und alles zum Innehalten aufruft, läuft Sabrina bis zum bitteren Ende.BildAm Ende von den sechs Stunden bin ich stolz auf jeden Teilnehmer des heutigen Laufs: Mama, Papa, Max, Johanna, Charlotte und Heike haben sich von der technischen Panne nicht aus der Ruhe bringen lassen und weiter die gute Stimmung hochgehalten. Papa kann ohnehin mit Stolz sagen, erstmals nach seiner OP wieder so weit und so lange gelaufen zu sein. Johanna und Heike haben ihre Wander-Runden sogar mit zusätzlichem Schwierigkeitsgrad absolviert: sie trugen ihre Töchter mit sich. Und Sabrina war nicht nur eine mentale Stütze für mich, sie war auch die Stopuhr, die die Auswertung des Laufs überhaupt möglich gemacht hat und ist außerdem einen persönlichen Rekord gelaufen: den ersten Halbmarathon. Wahnsinn.
Nun, nachdem der Lauf hinter uns liegt, heißt es, den SchlUHM 2021 wurmsicher zu machen, denn noch ein solches technisches Desaster macht mein Ego sicher nicht mit. Aber vor allem anderen heißt es jetzt: den Triumph der ersten und vermutlich einzigen Laufveranstaltung 2020 genießen. Auf eine ganz eigene Art und Weise war es ein besonderer und erinnernswerter Lauf! Erinnern werden wir uns nicht zuletzt durch diesen Eintrag in unser kleines, öffentliches Lauftagebuch, sondern auch durch unsere neuen SchlUHM-Pokale: das sind große, bedruckte Tassen, die nach jeder SchlUHM-Teilnahme um das persönliche Ergebnis erweitert werden. Vielleicht ist es ja im nächsten Jahr endlich soweit und wir können befreundete Läufer zum SchlUHM einladen, die dann ihrerseits ihre Errungenschaften auf ihrem persönlichen SchlUHM-Pokal verewigen können.
Übrigens: für unser Engagement, die laufende Veranstaltung zu retten, verliehen uns (Sabrina und mir) die übrigen Lauffreunde eine Urkunde für die beste Veranstaltungsorganisation 2020. Diese Urkunde ist, auch wenn die Ursache für die Verleihung quasi selbst verursacht wurde, auch etwas besonderes.
Sportliche Grüße
Euer Jan


Dieser Beitrag wurde am 19.10.2020 von Jan geschrieben.

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